Kanutrail Allier/Ardèche 2008 

 

Anno 2008 wurde das Land von einer schrecklichen Seuche heimgesucht. Plötzlich und ohne Vorankündigung befiel sie ettliche aus unseren Reihen und kein noch so gewiefter Arzt war in der Lage sie in den Griff zu bekommen. Es war das fiebrige Zittern beim Anblick ferner Länder, die Zuckungen die den Körper plagten wenn er sich einem Gewässer näherte, es war die Lust nach dem Abenteuer die uns befallen hatte. Getrieben von dem unerträglichen Drang sich in ein Kanu zu setzen und reißenden Flüssen zu folgen, konnte auch ich nicht lange standhalten und erlag der furchterregenden Pandemie: Ich meldete mich freiwillig um am Kanutrail der Stämme 78 Mötzingen und 269 Emmingen teilzunehmen. Andere hielten mich für wahnsinnig, doch ich war mir sicher: Nichts anderes konnte mich heilen als das Abenteuer selbst.

So war es bereits um das Pfingstfest herum als wir nach langer und beschwerlicher Reise durch ferne fremde Länder mit seltsamen Gewohnheiten und Bräuchen die gefährlich friedlichen Fluten eines träge dahinsinnierenden Binnengewässers erreichten. Die Bewohner dieses Landes schienen schon selbst verrückt nach den Fluten, da ihre Toiletten aus Schluchten und Inseln bestanden deren Sinn wir nie richtig begriffen.

Nach einer letzten bangen Nacht am Ufer stachen wir in See. Nie werde ich vergessen wie sich unsere Flotte unter dem Befehl Kapitän Dalingers in Bewegung setze, wie Admiral Kohler einen letzten gedankenverlorenen Blick zurück an die Küste warf an der sich die Gischt gleichmäßig, wie unterschwelliger, unverwirrbarer Atem kräuselte. Es folgten Tage der unbändigen Anstrengung und gewaltiger Strapazen, doch wir fühlten uns frei, denn wir waren geheilt. In schrecklicher Gefahr, immer dem Risiko ausgesetzt und doch in Gottes Hand behütet und sicher vor jedem Unglück.

Gestärkt durch dieses Wissen und einer hervorragenden Kombüse, deren Güte von Generälin Angelika selbst überwacht wurde, bezwangen wir die höchsten Wasserfälle, die größten Stromschnellen und die grausamsten Angriffe unheimlicher Bestien des umliegenden Dschungels mühelos. Nur ein einziger Kampf forderte Verluste: Das gewaltige Seefahrtswissen General Sigfrieds scheiterte in einem ungünstigen Moment an den gemeinen Zufällen die der Strom bereithielt, doch selbst das trotze uns nur einen lächerlichen Kratzer am Dauem ab.

Schon nach wenigen Tagen wurde klar, dass dieses scheinbar träge und dennoch unterschwellig fiese Gewässer nicht unsere wahren Qualitäten forderte. Uns wackere Männer und Frauen dürstete nach Größerem, nach den Gefahren einer wahren schiffahrtstechnischen Herrausforderung: Einer Schluchtdurchfahrt!

Nur wenige Waghalsige haben so etwas je versucht und die wenigen wissen nur Furchtbares zu berichten, doch das schreckte uns nicht. Wir wollten das wahre Abenteuer und wir sollten es bekommen. Doch zunächst musste eine dieser Schluchten erreicht werden. Ein langer, anstrengender Weg durch viele weiße Flecken auf der Landkarte stand bevor.

Geleitet von den Sternen durchquerten wir Wälder eherner Akazien, folgten langezogenen Ebenen grauen Asphalts und durchschwammen ganze Seen von Kreisverkehren. Doch wir blickten nicht zurück denn in uns brannte der Durst nach dem Neuen, Fremden, Aufregenden!

Am Ende dieses nie enden wollenden Tages überquerten wir einen letzten Hügel und ein Bild ungeahnter, unbeschreiblicher Schönheit eröffnete sich uns. Das Wasser eines hier noch recht friedlichen Flusses hatte ein Tal geformt, dass in seiner grünen Schönheit zu uns aufleuchtete und uns für alle Strapazen entlohnte. Warme Duschen, gute Speisen und ein selten so bequemer Schlafsack gaben Kraft für eine Fahrt, die unsere Leben prägen sollte!

Wohlbepackt mit allem Notwendigen stachen wir schon früh am nächsten Morgen in See. Wahrer Optimismus floss durch die Adern als wir uns aus der Umarmung des Ufers lösten, dass uns wohl zurückhalten wollte. Ach hätten wir doch auf es gehört! Kaum das uns die gewaltige Strömung des Flusses gepackt hatte schickte sie uns wie einen Spielball mal hierhin mal dorthin. Panik ergriff mich! Wir steuerten direkt auf einen Felsen zu, also schrie ich nach rechts auszuweichen, doch kaum wahr der Kurs korrigiert, tauchte auch dort ein Felsen auf. Wieder brüllte ich nach links auszuweichen. Dann krachten wir in einen bisher unsichtbaren Stein in der Mitte. Von unheilvollen Kräften durch die Luft gewirbelt, schleuderte uns der Zorn des Nasses in sämtliche denkbare Richtungen und wir kamen hart auf. Jeder trägt seine Narben bis heute mit Stolz. Damals aber waren wir fast zu schwach um ans rettende Ufer zu kommen. Glücklicherweise zog uns die starke Hand General Siegfrieds aus dem Wasser und keuchend konnten wir uns dort aus unserer Benommenheit lösen!

Inzwischen hatten die anderen Schiffe unseres Konvois eine viel gewaltigere Stromschnelle erreicht. Nur 2 der vielen starken Schiffe gelang es diese zu überwinden ohne an dem harten Riff das Schicksal der Gischt zu teilen. Als wir nun noch immer stöhnend diese Vorgänge beobachteten ergriff uns die nackte Angst und wir entschieden uns das Boot lieber zu tragen als das auf uns zu nehmen. Pure Muskelkraft schien uns verlässlicher als uns nocheinmal der unsichtbaren Macht des Stromes auszusetzen. So blieb uns ein weiteres Kentern erspart.

Wieder versammelt, allesamt außer Atem und furchtbar demotiviert war vielen die Lust auf den wahren Nervenkitzel vergangen. Sie waren satt, der Gefahr überdrüssig! Kapitän Dalinger und Amiral Kohler waren zunächst rahtlos, doch nach kurzer Sitzung eines Notstandsgeneralstabes wurde eine nie dagewesen Entscheidung gefällt: Die Gruppen wurden aufgeteilt! Die Furchtlosesten sollten der Schlucht trotzen und ihr Erfahrung und Abenteuer abringen dürfen, die Entmutigten neuen Mut fassen und in der Selbsteinschätzung wahre Größe beweisen. Ich selbst war unentschlossen. Niemals zuvor hatte ich mehr Angst mich selbst zu überschätzen!

Die Schlucht war nur wenige Meter breit und täuschte durch einen monumentalen, faszinierenden, unfassbar großen Eingang über ihre Gefahr hinweg. Die Pont d'Arc, eine natürlich enstandene Steinbrücke über den sagenumwobenen Fluss den wir erwählt hatten, lenkte mich ab und verführte mich dazu an der Durchfahrt teilzunehmen.

Es folgten Stunden der unmenschlichen Anstrengung, der schlichten Panik und des eisernen Willens, der dazu trieb das Paddel immer tiefer und schneller einzustechen. Riesige Wasserfälle, tosende Strudel und ein rasender Sturm der seine gesamte Wut an uns zu entladen schien kämpften gegen uns an, doch wir obsiegten. Als es vorbei war, als das Wasser ruhiger wurde, als die hunderte Meter hohen Steinkanten back, und steuerbord abflachten konnten wir es selbst kaum glauben. Es war geschafft, wir konnten heimkehren, wir wahren geheilt! Wir hatten die Lust befriedigt, sie in einem Sieg erstickt und dem Abenteuer alle seine Resourcen geraubt. Echter Triumph! Ich danke Gott noch heute dafür, dass wir diese Durchfahrt praktisch unbeschadet erleben durften.!

Noch eine letzte Nacht im Schlafsack folgte diesem Sieg und wir schlossen die Reise mit der Befriedigung kultureller Interessen durch einen Stadtbesuch ab.

Ein ganzes Jahr werden wir geheilt sein, doch ich bin gewiss, im folgenden Jahr wird uns das Fernweh wieder packen! Wir sind allezeit bereit!

 

Clemens Schmid